Zusammenfassung

ICOs sind für Firmen eine interessante Möglichkeit um Kapital zu sammeln. Für risikofreudige Anleger bieten sie die Möglichkeit das eingesetzte Kapital vergleichsweise schnell zu vervielfachen, können aber auch zum Totalverlust führen. Es gilt also wie immer, je mehr Gewinnmöglichkeit, desto mehr Risiko ist auch dabei.
Weil ICOs in Deutschland aktuell unreguliert sind, ist besondere Sorgfalt bei der Prüfung nötig, um nicht auf Betrüger oder unrealisierbare Projekte hereinzufallen. Da der gesamte Kryptocoinmarkt aktuell stark wächst und mit ICOs überproportional oft Gewinne erzielt werden können, gibt es einen regelrechten Hype und Goldgräberstimmung im Markt. Von den vielen positiven Stimmen sollte man sich aber nicht blenden lassen. Es läuft definitiv nicht immer so gut und man kann auch ganz schnell eine Menge Geld verlieren.
Ich selbst habe inzwischen bereits an mehreren ICOs teilgenommen und kenne beide Seiten. Ich habe mehrere Tokens welche an der Börse dauerhaft deutlich unter ICO Preis laufen und mit denen ich aktuell rund 30-50% Verlust habe. Auf der anderen Seite habe ich auch schon an einem ICO teilgenommen, dessen Coinpreis sich an der Börse innerhalb von 2-3 Monaten verfünzigfacht (x50) hat.

ICO ist die Abkürzung für Initial Coin Offering, also die Erstausgabe von Coins. Ganz ähnlich zum IPO (Initial Public Offering) bei Aktiengesellschaften, versuchen Firmen über ICOs Investorengelder einzusammeln. Nicht immer erfüllen die Coins (Tokens) dabei auch einen technischen Zweck. Manchmal sind sie auch, wie Aktien, einfach nur als Firmenanteil anzusehen. Welchen Zweck der neue Coin erfüllt, erfährt man in der Regel aus dem Whitepaper oder der Website der jeweiligen Firma. Erfährt man es dort nicht, oder kommt einem etwas komisch vor, sollte man schon skeptisch werden, Stichwort SCAM.
Was euch von Anfang an klar sein muss, diese Form der Investition ist hoch riskant und ihr habt keinerlei Garantie, dass ihr euer Geld wieder seht oder sogar Gewinn damit erzielen könnt. Was also ganz grundsätzlich für jede Form der Investition gilt „Niemals Geld einsetzen, welches man braucht“, gilt hier umso mehr. Wie so oft bedeutet ein höheres Risiko im Gegenzug aber auch höhere mögliche Gewinne. Eine Vervielfachung des eingesetzten Kapitals ist durchaus ebenso möglich.
Die meisten ICOs laufen über die Smart Contracts auf Ethereumbasis und geben somit Tokens nach dem ERC20 Token Standard aus. Genauere Infos zum ERC20 Standard findet ihr hier: https://theethereum.wiki/w/index.php/ERC20_Token_Standard. Weil es streng genommen also gar keine Coins, sondern Tokens sind, findet man statt ICO mittlerweile auch häufig die Bezeichnung „Tokensale“. Auch der genaue Weg, wie man an ICOs / Tokensales teilnehmen kann, variiert von Firma zu Firma. Grundsätzlich aber schickt man immer auf dem ein oder anderen Weg seine Coins an eine (ETH)Adresse und bekommt an die Absenderadresse die Tokens. Von dieser Adresse sollte man zwingend den private Key haben, um auch an die Tokens ran zu kommen. Deswegen niemals direkt von einer Börse an einem ICO teilnehmen. Auf die Exchange Wallets bekommt ihr keine Tokens zurück. Es sei denn, es ist explizit so vom ICO Team vorgesehen. Bisher ist mir aber nur ein einziger Tokensale bekannt, wo das möglich war.

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Bevor man sich aber entscheidet an einem ICO teilzunehmen, sollte man sich vorher bestmöglich über die jeweilige Firma, deren Pläne und die entsprechenden ICO-Modalitäten informieren. Denn wie der gesamte Kryptomarkt sind auch ICOs noch nahezu komplett unreguliert. Damit kann so ziemlich Jeder einen ICO abhalten und Versuchen damit Geld einzusammeln. Das Jeder auch tatsächlich so gemeint ist, sieht man an den diversen SCAMS und auch an Tokens wie dem UET= Useless Ethereum Token, welcher schon im Namen das Wort „unnütz“ enthält und dessen Erschaffer auch von vorne herein gesagt hat, dass dieser Token keinen Nutzen hat und auch nie haben wird. Aber auch mit einem komplett sinnlosen Token kann man natürlich an der Börse spekulieren und ggf. Gewinne erzielen. Das Unwissen einiger Anleger und die Spekulationswut Anderer hat offensichtlich ausgereicht um selbst mit diesem sinnlosen Token 70.000$ einzusammeln.

Ein anderes Beispiel ist der „300 Token“, dessen einzige Eigenschaft die extreme Limitierung von 300 Tokens ist. Sonst nichts. Kein Geschäftsmodell, keine Firmenanteile, keine technische Eigenschaft, einfach nichts. Ein reines Spekulationsobjekt ohne irgendeinen jetzigen oder zukünftigen Gegenwert. Dennoch wurden alle 300 Tokens für insgesamt 63 ETH, was im Moment (06.10.17) rund 15.750€ entspricht, verkauft und haben einen aktuellen Marktwert von rund 204$ / Coin, was einem Market Cap von rund 61.000$ oder 52.000€ entspricht. Das wiederum entspricht aktuell einem Gegenwert von 204 ETH. Selbst ein komplett nutzloser Coin wie der 300 Token hat also seinen Wert seit dem ICO mehr als verdreifacht!

300 Token (300) aktueller Preis
Wobei der aktuelle Wert sogar noch extrem niedrig ist. Kurz nach Börsenstart lag der Wert nämlich in der Spitze sogar kurzzeitig bei 1.141$ / Coin, also 342.000$ Market Cap. Das war gegenüber dem ICO Preis rund das 5,6 Fache oder anders gesagt +460%. Und das für einen komplett nutzlosen Coin…
300 Token (300) Preisentwicklung

Das sind natürlich zwei Extrembeispiele und es läuft in der Regel nicht so ab. Es soll aber verdeutlichen, was unreguliert heißt. Es kann halt wirklich jeder alles anbieten. Das Missbrauchspotential ist demnach entsprechend hoch. Es gibt in Deutschland aktuell keinerlei Auflagen, Mindestkapital oder rechtliche Mindestanforderungen für einen ICO. Das sollte man immer im Hinterkopf behalten und deshalb besonders skeptisch alle Angaben prüfen.
Bevor man in einen ICO / Tokensale investiert, sollte man sich also immer so gründlich wie möglich informieren und für sich selbst überlegen, ob das, was man da an Infos erhält, zusammen passt und für wie zukunftsträchtig man das Vorhaben hält.
Ich gucke mir dabei immer folgendes an:

Checkliste

1. Verstehe ich das Projekt?
So trivial und selbstverständlich es klingt, aber das sollte immer die 1. Frage sein. Verstehe ich, wofür genau Geld eigesammelt werden soll und ergibt das für mich Sinn? Je weiter man auch die technischen Hintergründe versteht, desto besser natürlich. Vieles entpuppt sich nämlich erst bei genauerer Analyse als nicht durchführbar oder halt einfach Betrug. Dieser Punkt ist aber nicht essentiell, denn in der Regel wird man nicht bis ins Kleinste durchsteigen und wirklich alles verstehen. Man sollte es aber so weit verstanden haben, dass man mit eigenen Worten wiedergeben kann, was die Firma vor hat und wie sie es erreichen will. Stellt man hierbei schon fest, dass man selbst beim ernsthaften Versuch es zu verstehen schon gescheitert ist, liegt es nahe, dass es vielleicht absichtlich kompliziert und komplex beschrieben wurde, damit eben gar nicht erst Jemand genau durchblicken kann. Da sollten schon sofort die Alarmglocken an gehen. Hat man verstanden was genau die Firma machen möchte, sollte man sich als nächstes natürlich auch gleich fragen, wie sinnvoll man das selbst findet und ob man glaubt, dass dieses Projekt eine Zukunft hat. Welche Maßstäbe man dafür ansetzt und wie weit in die Zukunft man vorausschaut, ist dabei jedem selbst überlassen.

2. Gibt es bereits ein fertiges / fast fertiges Produkt, oder ist bisher alles nur Konzeption und existiert nur in der Theorie?
Bei letzterem kann es natürlich passieren, dass ungeahnte Probleme bei der Praxisumsetzung auftauchen. Diese können dann den Zeitplan verschieben, hohe Kosten verursachen oder im schlimmsten Fall zum Scheitern des Projektes führen. Jeder muss für sich selbst wissen, wie er das jeweilige Produkt bewertet, ich für meinen Teil finde aber bereits existierende Produkte vertrauenserweckender als reine Theorien. Leider haben die wenigsten Firmen bereits ein fertiges Produkt. In der Regel soll der ICO ja genau das für die Produktion benötigte Geld einbringen.

3. Website: welchen Eindruck macht die Website grundsätzlich?
Sieht es schnell zusammengeschustert aus, oder wirkt es zumindest professionell? Funktionieren alle wichtigen Links, sind Kontaktmöglichkeiten angegeben und finden sich alle relevanten Informationen?
Websites die zwar schön aussehen, aber kaum Inhalt bieten, sind für mich schon ein erster Negativpunkt. Immerhin möchte die Firma mein Geld, da sollte man zumindest transparent und umfangreich darstellen können, wofür überhaupt. Bei Websites deren Hauptinhalt der ICO ist, gehen bei mir jedenfalls schon direkt die Alarmglocken an. Natürlich sollten sich auf der Website auch Informationen zum ICO finden, aber der Hauptbestandteil sollte es nicht sein. Immerhin ist der ICO ja nur Mittel zum Zweck und genau dieser Zweck sollte klar ersichtlich und im Vordergrund sein.

4. Whitepaper: Gibt es überhaupt ein Whitepaper?
Falls nein, sollte hier wohl schon die nächste Alarmglocke an gehen. Es gibt für mich keinen Grund, warum man kein Whitepaper haben sollte. Wenn man von einer Bank Geld haben möchte, braucht man auch einen Business Plan, da sollte wenigstens ein Whitepaper doch drin sein.
Falls es eins gibt, wie umfangreich ist es? Wird alles detailliert und nachvollziehbar erklärt? Bleiben viele Fragen offen? Erscheint es logisch und realistisch?
Natürlich haben auch SCAMs, also ICOs welche keinen Inhalt haben und nur Geld in betrügerischer Absicht abgreifen wollen, Whitepaper. Die Ersteller von SCAMs sind ja in der Regel auch nicht blöd und versuchen einen seriösen Eindruck zu vermitteln. Gerade in der Kryptocoinwelt tauchen da oft immer wieder dieselben Buzzwords auf. „Dezentral“, „Cloud“, „Revolutionär“, „Vorteile der Blockchain nutzen“, etc. etc… sind ja sehr beliebt. Manche Whitepaper sind da schon fast eine Art Buzzword Bingo und haben keinen wirklichen Inhalt. Das merkt man aber in der Regel recht schnell bereits auf den ersten Seiten. Verdächtig finde ich auch immer schon Whitepaper mit weniger als 10 Seiten, denn eine vernünftige Beschreibung braucht Platz und lässt sich i.d.R. nicht auf ein paar wenige Seiten pressen, wenn nicht auch die Hälfte an Informationen fehlt. Whitepaper deren Fokus auf dem Tokensale liegen, machen auf mich auch immer einen sehr schlechten Eindruck. Aus dem gleichen Grund wie bei den Websites auch schon. Ich habe mal eines gelesen, was insgesamt 18 Seiten lang war und davon war auf 14 Seiten die Vorgehensweise des Tokensale beschrieben. Eine Seite war das Deckblatt und eine das Inhaltsverzeichnis. Das eigentliche Projekt und die Leistung der Firma wurde dann auf den übrigen 2 Seiten beschrieben. Da liegen für mich die Prioritäten dann eindeutig falsch.
Was richtig oder falsch ist, muss letztlich natürlich wie immer jeder für sich selbst beurteilen. Wichtig ist aber, dass ihr euch das Whitepaper durchlest und versucht es so gut wie möglich zu verstehen.

5. Team & Partnerschaften: Ist das Team bekannt?
Gibt es frühere bekannte / erfolgreiche Projekte an denen die Teammitglieder beteiligt waren? Falls nicht, wie sehen die Lebensläufe der Teammitglieder aus? Passen die Qualifikationen zum Projekt? Wie groß ist das Team? Wäre das Projekt mit dem vorhandenen Team realisierbar? Vieles davon wird man sich nicht mit letzter Gewissheit beantworten können, besonders wenn man fachfremd ist. Aber dennoch sollte man sich selbst diese Fragen stellen und mit gesundem Menschenverstand beurteilen. Denn auch wenn man vom Thema selbst keine Ahnung hat, passen ein Team aus 1-2 Mitgliedern und ein extrem umfangreiches Projekt selten zusammen.
Gleiches gilt für Partnerschaften. Hat die Firma bereits namhafte Partner? Wie sieht die Partnerschaft aus? Sind es reine Geldgeber? Haben die Partner ggf. einen (technologischen) Nutzen vom Projekt und sind deshalb am Erfolg interessiert? Als kleines Beispiel möchte ich hier TenX nennen. TenX möchte vereinfacht gesagt, dass man über deren Kreditkarte überall mit Kryptowährungen bezahlen kann. Das Geschäft selbst muss dafür von Kryptowährungen theoretisch noch nie etwas gehört haben. Es reicht, wenn sie Kreditkartenzahlungen unterstützen. Ein gutes Projekt wie ich finde, da es einen weiteren Nutzen für Kryptowährungen schafft und vor allem eine Brücke in die „normale Welt“ schlägt, was die Akzeptanz erhöhen dürfte. Das Projekt als solches wäre zwar interessant, aber ist natürlich auch sehr ambitioniert. Damit das funktioniert müssen ja schließlich eine Menge Karten (min. 6, eher 7 stellig) genutzt werden. Und da fragt man sich schon, ob man sich da nicht ggf. übernommen hat. Immerhin ist das kein unerheblicher Aufwand und die Infrastruktur dafür ist auch nicht trivial. Nun kommen aber die Partnerschaften ins Spiel. TenX hat nämlich beispielsweise VISA als Partner. Und mit einem solchen Partner sieht das Ganze doch schon gleich deutlich realistischer aus. VISA hat nämlich garantiert das nötige Know How wenn es um das Verteilen und Betreiben von Kreditkarten und deren Infrastruktur geht. Alleine diese eine Partnerschaft sorgt also hier für ein deutlich größeres Vertrauen in das Projekt.
Die Partnerschaften welche das ICO Unternehmen hat, sind also definitiv wichtig und sollten in die Beurteilung miteinfließen.

6. Kontakt & Community: Welche Möglichkeiten gibt es, um mit dem Team in Kontakt zu treten?
Wird auf Anfragen reagiert? Werden Fragen zufriedenstellend beantwortet? Meist läuft der Kontakt per eMail und mindestens ein Chatprogramm. In der Regel wird Slack und/oder Telegram verwendet. Wie bekannt ist das Projekt, wie groß und aktiv die Community? Werden kritische Fragen zugelassen?

7. Maximale Kapitalisierung & Tokensale Modalitäten
Passen alle vorherigen Punkte, gucke ich mir am Ende auch an wie hoch die maximale Summe ist, die eingesammelt werden soll (Hard Cap) und wie der Tokensale abläuft. Ist das Hardcap realistisch oder wird mehr gesammelt als wahrscheinlich benötigt wird? Gibt es eine Whitelist? Gibt es minimale oder maximale Investitionssummen pro Person? Gibt es keine Bregrenzungen könnten auch Wale mit sehr großen Investiotionen einsteigen und hinterher den Preis an der Börse nach belieben beeinflussen. Wie lange läuft der Sale? Gibt es einen Presale? Wieviel Rabatt wird gewährt? Mit welchen Coins kann ich investieren? Erscheint mir die Art der Durchführung seriös und sicher?

Mit der Zeit entwickelt man ein Gespür für seriöse ICOs und arbeitet sich seine eigenen Punkte heraus, auf die man achtet. Die Liste oben ist nicht abschließend, soll aber gerade Einsteigern helfen, die guten von den schlechten ICOs unterscheiden zu können. Und wenn ihr mal einen verpasst oder ausgelassen habt, weil euch etwas gestört hat. Ärgert euch nicht, aktuell gibt es jeden Tag mehrere neue ICOs. Der nächste gute ICO kommt also vielleicht schon morgen.
Weil es leider regelmäßig passiert, dass ICOs gehackt werden, bitte alles 3x kontrollieren bevor ihr eure Coins sendet. Es kam auch bereits mehrfach vor, dass sowohl Slack, als auch die Website der Firmen parallel gehackt wurden, sodass man mittlerweile mindestens 3 verschiedene Kanäle checken sollte, um wirklich sicher zu sein, an die richtige Adresse zu schicken. Wenn über Slack/Mail/Website & Twitter dieselbe Information verteilt wird, dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass es korrekt ist, sehr hoch. Gewöhnt euch am besten schon einmal daran, dass ihr kurz vor dem Tokensale diverse Nachrichten des „Slackbot“ oder diversen „Nutzern“ in Slack per private Message bekommt. Diese sind zu 99,9% SCAM und versuchen nur abzuzocken. Seriöse Firmen werden euch niemals per direct Message in Slack auffordern irgendwo Coins hinzusenden. Auch ALLE Nachrichten im Zusammenhang mit MyEtherWallet sind SCAM. Das ist ein reines webbasiertes Wallet, da kann von eurer Seite keinerlei Aktion erforderlich werden.

Bei sehr gehypten ICOs, welche auch medial stark verbreitet werden, sollte man übrigens sehr schnell sein. Es ist keine Seltenheit, dass die höchsten Rabattstufen und manchmal sogar der ganze ICO innerhalb von Sekunden oder wenigen Minuten ausverkauft ist. Ein Faktor den man definitiv in seine Planung einbeziehen sollte.